Konzert
Der Engel an meiner Tafel - I

Wort – Klang - Raum

Der Engel an meiner Tafel - I

Cella St. Benedikt, Hannover

Konzert für Diskant- und Basszither, Mezzosopran, Querflöte, Elektronik/Zuspielung

Der Engel an meiner Tafel siedelt zwischen Klangwahrnehmung, Klangkunst und zeitgenössischer Musik. Überraschende Erfahrungen in bekannten, spirituellen Umgebungen lassen Perspektivwechsel zu. Die musikalischen Inszenierungen, für jeden Ort eigens zugeschnitten, eröffnen neue Räume, entwickeln ein Bewusstsein für die akustischen (und visuellen) Eigenschaften eines Ortes, münden in veränderten Wahrnehmungen. Ermöglicht werden ein Bleiben in Bewegung und doch auch tiefe Sammlung und Konzentration.

Auf einer zweiten, für den Zuhörer nicht zwingend relevanten Ebene untersucht das Projekt Sprache auf ihre musikalische Funktion hin, kreist um die Schnittstelle zwischen Wort und Musik, beschäftigt sich mit Zwischenräumen, Durchgangsorten oder unbewusst sich abspielenden „Klangräumen. Die Musikerinnen und Musiker folgen einerseits den kompositorisch, konzeptionellen Vorgaben, andrerseits bewegen sie sich frei und improvisatorisch. Im Projekt nähern sich Sprache und Musik einander an, Wörter lösen sich in einzelne Laute auf, bis nur mehr ein Murmeln zurückbleibt, eine gemeinsame musikalische Sprache.

Instrument
Zitherinstrumente gehören in nahezu allen Kulturen zu den ältesten Instrumenten. Bereits in der Bibel ist sie erwähnt. Der Hebräer Jubal Kain war einer seiner Ahnen -  wird dort als der Urvater aller Zither- und Flötenspieler bezeichnet (Gen 4,21). Der Begriff Zither leitet sich vom griechischen Kithara ab.
Die in Deutschland bekannte alpenländische Zither hat sich erst von 1800 an entwickelt, ihre Wurzeln liegen in der traditionellen Musik. Wegen ihres differenzierten, unverbrauchten Klangbildes und der Fähigkeit, Töne leicht zu modulieren, hat sich die Zither in den vergangenen 30 Jahren zu einem Avantgarde-Instrument in der Neuen Musik entwickelt.

Textgrundlagen
Ausgangspunkt sind christliche Litaneien, biblische Sinnsprüche und eventuell die Gebetsammlung der Äbtissin Odilia von Alden. Litaneien haben im christlichen Ritual die Funktion, den Geist neu auszurichten; sie helfen Konzentration und Kraft zu gewinnen.
Die ausgewählten Texte werden ständig wiederholt. In der Repetition bleibt zwar der Text derselbe; was sich verändert, ist die Wahrnehmung, nicht nur der Sprecher, sondern auch der Zuhörer. Permanente Wiederholung kann Selbstvergessen bewirken, unter Umständen auch zu Trancezustände führen; sie ist aber auch das Instrument, das wir nutzen, um uns etwas einzuprägen.

Musik

Sämtliche im Projekt gespielten Kompositionen entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Zitherspieler Georg Glasl, der diese Werke initiiert hat.

Bernhard Langs (* 1957) „4 Gesänge der ersten Engel“ stammt aus dem „Differenz/Wiederholung“-Zyklus des österreichischen Komponisten.  Der Vokalpart imaginiert die dahinströmenden Einflüsterungen innerer Stimmen, assoziiert mit Dämonenstimmen, wie sie in den mittelalterlichen Grimoires transkribiert worden waren. Es sind auch Trance-Stimmen, die im Zustand des exaltierten Wachtraumzustandes auftreten. Die Zithertextur ist zudem mit einer elektronisch interpretierten Klangschichte verdoppelt, womit das Stück einen unerbittlichen, virtuellen Dirigenten bekommen hat. Der Text der Gesänge beruht auf Vokalen, der Zuhörer hört eine unverständliche, aber trotzdem sehr vertraut anmutende Sprache.

Peter Kiesewetter (1945 – 2012) verwendete für seine Musik hebräische Texte, weil diese Sprache seiner Suchen nach den ersten Dingen entgegenkam. Um die in der Bibel vielfach belegte Kombination von Stimme und Saiteninstrument Klang werden zu lassen, schrieb er Tefilà Lemoshè, eine Vertonung des 90. Psalms, und Bereshit. Diese Azione sacra erzählt die Ereignisse des 1. Buches Moses von der Schöpfung bis zum Turmbau zu Bawel und besticht durch eine asketisch anmutende Reduzierung ins Archaische. Der Turmbau zu Bawel, der letzte Satz von Bereshit, thematisiert die Sprachverwirrung, ein hochaktuelles Thema in vielerlei Hinsicht.
Die Textfragmente des Gebetsbuchs sowie die biblischen Sinnsprüche werden eingebettet in das mehrteilige Musikstück ZwischenRaum für Zither und Elektronik des Schweizer Komponisten Marcel Zaes (*1984).  Er lotet in seinen Kompositionen spezielle Klangräume aus, spürt „Zwischenräumen“ und „Durchgangsorten“ nach. Ausgangspunkt sind Erlebnisse, die wohl jeder von uns tagtäglich hat: Man betritt einen Ort, der sich in seiner akustischen und optischen Natur stark von dem vorangehenden Ort unterscheidet, und findet sich in seiner eigenen Wahrnehmung für einen kurzen Moment gestört und gehindert, bevor sich Ohr und Auge an die neue Umgebung gewöhnt haben und man zunehmend beginnt, selbst zu einem Teil dieses neuen Raumes zu werden.


Aufführungsorte
Da das Projekt die jeweiligen, spirituellen Besonderheiten der Orte nutzt, ändern sich die Auswahl und die Abfolge von Musik und Text an jedem Ort.

Cella St. Benedikt, Hannover
Die Hauskirche der Benediktiner in der Voßstraße weist auf die Zeiten der Urkirche zurück, als sich die Christen in Privathäusern trafen. Ideal für die Musik Peter Kiesewetters. Denn er schafft klangliche Interieurs, entwickelt verdichtete Räume für den jeweiligen Textgehalt.

Eintritt: frei. Es wird eine Kostenbeteiligung von € 15,- erbeten.

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Besetzung
Diskant- und Basszither
Mezzosopran
Querflöte
Elektronik/Zuspielung

Weitere Mitwirkende:
Pater Nikolaus Nonn (Cella St. Benedikt) / Schola Invocabo, Hildesheim

Konzept / Dramaturgie / Zither: Georg Glasl

Textfassung: Sabine Reithmaier

Organisation: Eckhart Liss / Wolfgang Würriehausen

Lichtinszenierung: Uwe Richter

Förderer:

Musik 21 Niedersachsen Hanns-Lilje-Stiftung Niedersächsische Sparkassenstiftung Sparkasse Hannover Region Hannover